Stabile Solidarität trotzt Krisen

25.09.2026 | Adriana Pepe, GFS Bern

68 Prozent der Befragten erleben die Schweizer Gesellschaft insgesamt als solidarisch. Gleichzeitig zeigt der Solidaritätsbarometer, dass hinter diesem breiten Grundverständnis unterschiedliche Vorstellungen von Solidarität stehen und die Vielzahl an Krisen zu einer bewussteren Auswahl von Unterstützung führt.

Hohe Bedeutung, besonders spürbar im nahen Umfeld

Die Bedeutung von Solidarität ist breit abgestützt: 95 Prozent halten solidarisches Handeln für das gesellschaftliche Zusammenleben für wichtig, 93 Prozent auch für sich persönlich.

Wie stark Solidarität wahrgenommen wird, hängt jedoch deutlich von der Nähe ab. 76 Prozent erleben die Schweizer Bevölkerung gegenüber Menschen im eigenen Land als solidarisch, gegenüber Menschen ausserhalb der Schweiz sind es 42 Prozent. Noch ausgeprägter zeigt sich dieses Muster im persönlichen Umfeld: 85 Prozent nehmen den Freundeskreis als solidarisch wahr, 82 Prozent die Familie und 55 Prozent die Nachbarschaft. In der Arbeitswelt liegt der entsprechende Anteil bei 32 Prozent, im öffentlichen Raum bei 21 Prozent und in sozialen Medien bei 7 Prozent.

Breiter Konsens, unterschiedliche Erwartungen

Auch beim Verständnis von Solidarität gibt es gemeinsame Bezugspunkte: 97 Prozent sehen eine Verantwortung gegenüber zukünftigen Generationen. Je 93 Prozent sind der Ansicht, dass Menschen einander in Not helfen beziehungsweise der Staat Menschen in Notsituationen unterstützen sollte.

Gleichzeitig ist Hilfe für viele an Erwartungen geknüpft. 76 Prozent finden es wichtig zu prüfen, ob jemand Unterstützung tatsächlich verdient. 70 Prozent verstehen Solidarität auch als Gegenseitigkeit, während 63 Prozent die Verantwortung jedes Einzelnen für das eigene Wohlergehen hervorheben. Solidarität umfasst damit sowohl gemeinsame Verantwortung als auch Erwartungen an Eigenleistung und wechselseitige Unterstützung.

Vier unterschiedliche Solidaritätslogiken

Die Untersuchung identifiziert vier Solidaritätstypen: die prinziporientiert Solidarischen, die eigenverantwortlich Solidarischen, die weltoffen Solidarischen und die engagiert Solidarischen. Sie unterscheiden sich vor allem darin, wie weit Solidarität reicht und welche Voraussetzungen mit Unterstützung verbunden werden.

Entscheidend ist insbesondere, wem Hilfe zukommen soll und welche Rolle Bedürftigkeit, unverschuldete Not oder persönliche Betroffenheit spielen. Die vier Typen verteilen sich unterschiedlich über gesellschaftliche Gruppen: Alter, Geschlecht und Parteiaffinität zeigen gewisse Zusammenhänge, erklären die verschiedenen Solidaritätslogiken aber nur teilweise.

Auch das Aufzeigen konkreter Hilfsmöglichkeiten wirken nicht bei allen gleich. Prinziporientiert und engagiert Solidarische lassen sich dadurch eher zum Handeln bewegen, während eigenverantwortlich Solidarische vergleichsweise wenig darauf reagieren.

Krisen werden häufiger und schwerer wahrgenommen

Die Krisenlage hat sich in der Wahrnehmung der Bevölkerung deutlich zugespitzt. 86 Prozent sind der Ansicht, dass die Zahl der Krisen in den vergangenen Jahren zugenommen hat. 82 Prozent nehmen eine Zunahme ihrer Schwere wahr.

Diese Einschätzung fällt nicht in allen Bevölkerungsgruppen gleich aus. Bei den über 65-Jährigen sehen 53 Prozent eine starke Zunahme der Krisenzahl, bei den 18- bis 39-Jährigen sind es 34 Prozent. Auch Frauen nehmen die Entwicklung ausgeprägter wahr: 91 Prozent sehen mehr Krisen, gegenüber 82 Prozent der Männer. Bei der wahrgenommenen Schwere zeigt sich mit 87 gegenüber 77 Prozent ein ähnlicher Unterschied.

Die Krisen bleiben dabei nicht auf einer abstrakten Ebene. 59 Prozent fühlen sich persönlich durch die verschiedenen Krisen belastet. Auch hier ist der Unterschied nach Geschlecht deutlich: 67 Prozent der Frauen empfinden eine persönliche Belastung, bei den Männern sind es 50 Prozent.

Trotz dieser zugespitzten Wahrnehmung bleibt die Spendenbereitschaft bei 60 Prozent angesichts der Anzahl der Krisen unverändert. Stärker verändert hat sich die Auswahl: 85 Prozent haben das Gefühl, nicht überall helfen zu können, und 78 Prozent wägen bewusster ab, wofür sie sich engagieren. Damit rückt weniger ein Rückzug aus der Solidarität als der Umgang mit einer als dichter und belastender wahrgenommenen Krisenlage in den Vordergrund.

Solidarität bleibt eine Frage der Ausgestaltung

Die Ergebnisse zeigen vor allem, dass Solidarität in der Schweiz zwar breit getragen wird, aber unterschiedlich interpretiert und gelebt wird. Wie weit Verantwortung reicht, welche Bedingungen an Unterstützung geknüpft werden und wie Menschen mit einer verdichteten Krisenwahrnehmung umgehen, entscheidet sich je nach Solidaritätsverständnis unterschiedlich.

So wurde untersucht

Der Solidaritätsbarometer 2026 wurde von gfs.bern im Auftrag der Glückskette und in Zusammenarbeit mit der SRG durchgeführt. Befragt wurden vom 4. Juni bis 1. Juli 2026 insgesamt 1’618 Einwohnerinnen und Einwohner der Schweiz ab 18 Jahren. Davon wurden 1’028 Personen über das Online-Panel «Polittrends» und 590 mittels Riversampling über SRG-Kanäle sowie Opt-in via Newsletter befragt. Die Stichprobe wurde nach Alter, Geschlecht, Sprache, Siedlungsart und Bildung gewichtet. Bei einer Verteilung von 50 zu 50 beträgt der statistische Unsicherheitsbereich ±2,4 Prozentpunkte bei 95-prozentiger Wahrscheinlichkeit.

 

Weiterführende Informationen zum Solidaritätsbarometer 2026 finden sich im Cockpit, dem Schlussbericht und dem Management Summary in deutsch, französisch und italienisch.


Sie haben Fragen zu diesem Beitrag? kontaktieren Sie unsere Expertin oder unseren Experten zu Hintergründen, Einordnungen sowie den eingesetzten Methoden und Modellen.

Adriana Pepe | Junior Projektleiterin

Adriana Pepe

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